2. Zuhause

Abstract

Entschließen sich Pflegepersonen dazu, einem Pflegekind ein Zuhause und eine Familie anzubieten, stehen sie zunächst vor Herausforderungen, welche das bereits bestehende Familiensystem belasten können. Eine fachliche Begleitung der Pflegeeltern, im Umgang mit ihrem Pflegekind und dessen Erfahrungen, stärkt sowohl die Pflegepersonen in ihrem Handeln als auch das gesamte Familiensystem, welches sich mit seinem neuesten Familienmitglied neu strukturiert. Auch in Fällen, in denen eine Verwandtschafts- oder Netzwerkpflegschaft eingerichtet wird und hoher Beratungsbedarf besteht, bietet quergedacht Unterstützung.

Finanzielle und rechtliche Grundlagen

Pflegepersonen haben nach §37(2) SGB VIII vor der Aufnahme des Kindes und während der Dauer des Pflegeverhältnisses einen Anspruch auf Beratung und Unterstützung. In Fällen, in denen eine Verwandtschafts- oder Netzwerkpflege vorliegt, findet sich die rechtliche Grundlage in §33 SGB VIII. Die aufgewendeten Kosten werden von dem zuständigen Träger der öffentlichen Jugendhilfe getragen und über §31 SGB VIII finanziert. Das monatliche Stundenkontingent wird aufgrund der Vielzahl an möglichen Konstellationen und unter der Berücksichtigung individueller Bedarfe grundsätzlich fallbezogen vereinbart.

Zielgruppen

Das Beratungsangebot richtet sich, unabhängig von der Dauer der Pflegschaft, an alle Pflegepersonen. Ein Beratungsbedarf ergibt sich bereits vor der Aufnahme des Kindes in die Familie, verstärkt sich im Aufnahmezeitraum und stellt eine Rückversicherungsmöglichkeit über die Dauer des Pflegeverhältnisses dar.

Ziele

Einem Kind ein „zweites Zuhause“ zu bieten, ist das Ziel der meisten Pflegepersonen. Häufig wird jedoch die Tatsache unbeachtet gelassen, dass Pflegekinder meist bereits einen Weg durch das Jugendhilfesystem hinter sich haben und diesen nicht unbegründet gehen mussten. Traumata, Bindungsstörungen, Ängste und höchste emotionale Belastungen erschweren einen Beziehungsaufbau zu Pflegekindern und erfordern einen kompetenten Umgang durch die Pflegeperson. In der Beratung werden Pflegepersonen über Störungsbilder aufgeklärt, sich daraus ergebene Schwierigkeiten in der Erziehung besprochen und es wird gemeinsam nach angemessenen Lösungsmöglichkeiten gesucht. In Fällen, in denen die Pflegschaft durch einen nahen Verwandten übernommen wird, ist aus systemischer Sicht davon auszugehen, dass das gesamte Familiensystem belastet ist. Hier ist ein kritischer Blick der Fachkräfte und intensive, möglicherweise zunächst sehr niedrigschwellige Beratung gefordert. Ziel ist es, Pflegepersonen in ihrem Erziehungsverhalten zu stärken und damit Pflegekindern ein sicheres und nicht nur liebevolles, sondern auch fachlich kompetentes, auf ihre speziellen Bedürfnisse ausgerichtetes Zuhause zu bieten.

Hilfe-/Auftragsplanung

Nach der Auftragsklärung im Hilfeplangespräch ist ein wöchentliches Beratungsangebot von drei Fachleistungsstunden angedacht, welches auch Overheadzeiten beinhaltet. Die Hilfe findet aufsuchend statt. Die Dauer des Beratungsbedarfs kann sich in diesem Fall auf einen längeren Zeitraum erstrecken. Altersgemäße Entwicklungsaufgaben des Pflegekindes können die Pflegepersonen stetig vor neue Herausforderungen in der Erziehung ihres Schützlings stellen. Zudem ist zum Erfahrungsaustausch und für ein Voneinander-Lernen ein Gruppenangebot für Pflegepersonen in trägereigenen Räumlichkeiten angedacht.

Angebotsstruktur

Das Eingehen eines Pflegeverhältnisses stellt Eltern vor Aufgaben, die sie meist zuvor nicht kannten. Aufgrund der Vorgeschichten von Pflegekindern und deren Begleitsymptomatik müssen Pflegepersonen auf ihre herausfordernden Aufgaben, beginnend mit dem Beziehungsaufbau, vorbereitet und bestärkt werden. Nach dem Bedarf der Pflegepersonen, der Entwicklungsstufe des Pflegekindes und der Phase des Pflegeverhältnisses können folgende Beratungsthemen entstehen:

Vor der Aufnahme des Pflegekindes in der Familie:

  • Bindung und Beziehung
  • Entscheidende Aspekte der Bindungstheorie – das Feinfühligkeitskonzept
  • Bindungsstörungen
  • Trauma
  • Psychoedukation von eventuell vorhandenen Störungsbildern des Kindes
  • Welche Vorstellungen haben die Pflegepersonen von Erziehung?
  • Wie wird sich ein Leben mit Pflegekind vorgestellt? Ist die Vorstellung realistisch?
  • Eigene Erziehungserfahrungen
  • Familiengeschichtliche Anamnese
  • Herausforderungen für eventuell bereits vorhandene leibliche Kinder in der Familie

Im unmittelbaren Aufnahmezeitraum:

  • Gestaltung der Phase des Ankommens
  • Relevanz eines strukturierten Tagesablaufs
  • Diskrepanz zwischen Wunschvorstellung und Realität?
  • Klärung von akuten Unsicherheiten
  • Stigmatisierung des Pflegekindes

Langfristiger Beratungszeitraum:

  • Psychoedukation von altersgemäßen Entwicklungsaufgaben
  • Erkennen eines möglichen Therapiebedarfes
  • Wann erfährt das Kind von dem Pflegeverhältnis?
  • Umgangsgestaltung zu den leiblichen Eltern
  • Auswirkungen auf die Paarbeziehung und eventuell vorhandene leibliche Kinder

Stand: 01.10.2020

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